Kapitel 2
Seine Augen wurden plötzlich ganz sanft, als er mich so ansah, wie ich errötend an der Haustür stand. Anscheinend hatte er Mitleid mit mir. Das machte mich wiederum sehr wütend und ich erwiderte schnippisch: „Na, doch zu viel Zeit – die Arbeit lassen sie wohl nun schleifen?“.
„Sie haben was verloren!“ sagte er und grinste genüsslich. Er hatte mich durchschaut. Er wusste, dass ich nur eine Fassade auflegte. „Ach ja? Was sollte ich denn verloren haben?“. fragte ich ihn ungläubig, der wollte mich doch nur ärgern.
„Jetzt seien sie doch nicht so unwirsch – ich habe Ihnen doch gar nichts getan.“ entgegnete er und blickte wie ein Hündchen, der etwas vom Tisch geklaut hat.
„Doch!“ schnauzte ich zurück, „Sie haben mich in meiner Ruhe gestört und mir meine gute Laune verdorben mit Ihrer ungeduldigen Art!“ warf ich ihm an den Kopf. „Ihr Fahrradkuriere nervt mich sowieso immer auf den Fahrradwegen! Ohne Rücksicht auf Verluste rauscht Ihr an einem vorbei, wie die roten Radlerengel!“. Ich ließ so richtig meinen Unmut raus, den ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit aufstaute.
„Was kann ich denn dafür, wenn die Fahrradwege zu eng sind?“ schnauzte er mich jetzt auch an. „Dann fahren Sie halt nicht mit dem Rad, wenn Sie zu unsicher sind!“ Sein Ton wurde nun auch deutlich lauter. Jetzt hatte er mich ertappt. Ich war wirklich unsicher beim Radfahren. Bremste ich doch bei jeder Ausfahrt und bei jeder kleinsten Kreuzung ab, weil ich Angst hatte, dass ein Auto rausschießen könnte. Mein Herz rutschte jedes Mal in die Hosentasche, wenn tatsächlich ein Auto aus einer Seitenstraße kam. Nun war ich den Tränen nahe. Meine Augen fühlten sich schon ziemlich feucht an und ich brachte keinen Ton mehr heraus. Was schämte ich mich vor ihm. Aber eigentlich wollte ich ja gar nicht so garstig zu ihm sein. Er sah doch ganz nett aus, er gefiel mir.
Der Standbesitzer vom Gemüsestand am Eck an der Winthirstraße schaute schon amüsiert zu uns rüber. Wie peinlich war doch die ganze Situation.
Am liebsten wäre ich sofort in meine Wohnung raufgestürmt und hätte mich in meinem Schlafzimmer verkrochen.
Aber diese Genugtuung wollte ich dem Kerl nicht geben. Ich schluckte einmal ganz fest, atmete tief ein und sah ihn schon etwas freundlicher an. „Es tut mir leid, ich wollte sie nicht so anmaulen.“ sagte ich. „Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist!“ Doch, ich wusste es schon, das war jedes Mal so bei mir, wenn mir ein Mann gefiel. Sozusagen eine Schutzhaltung. Darum war ich ja auch immer noch single nach meiner letzten Beziehung.
„Ist schon gut!“ erwiderte er. „Ich wollte Ihnen doch nur bringen, was Sie verloren haben! Ich hab die Verkäuferin in der Bäckerei gefragt, ob sie wisse, wo sie wohnen. Leider wusste sie es nicht und da habe ich mir gedacht, dass sie bestimmt nicht weit weg wohnen und habe die Häuser nach Ihrem Namen abgesucht. Ich wollte schon bei Ihnen klingeln, als sie plötzlich aus dem Haus herauskamen.“ erklärte er und zeigte mir das Fundstück: Mein Ohrring. Ich griff mir unwillkürlich an mein Ohr und tatsächlich, ich hatte es verloren. Wenn ich nervös war, spielte ich immer mit meinen Ohrringen und so musste es mir rausgefallen sein.
Dass er sich meinen Namen gemerkt hatte, beeindruckte mich. Jetzt wollte ich am liebsten im Boden versinken. Er vernachlässigte extra seine Arbeit, um mir das Ohrring hinterherzutragen, obwohl ich so frech zu ihm war.
„Das ist aber wirklich lieb von Ihnen!“ stammelte ich. „Jetzt tut mir alles noch mehr leid!“ Schon wieder wurde ich rot.
„Ist schon o. K.“ sagte er und lächelte mich an, da er merkte, dass ich ziemlich geknickt war. „Jetzt stelle ich mich aber mal bei Ihnen vor, ich bin der Benno Regsam!“ sagte er und streckte mir seine Hand entgegen. „Nelly Weber“ erwiderte ich und nahm seine Hand. Bei der Berührung wurde es mir plötzlich heiß und ich merkte wie mir wieder das Blut in den Kopf schoss. Schnell zog ich meine Hand wieder zurück und sagte: „Also vielen Dank, dass Sie meinen Ohrring gefunden haben – wie kann ich das denn wieder gut machen? Da wäre ich wirklich sehr traurig gewesen, wenn der weg gewesen wäre, sind nämlich besondere Ohrringe!“. Er grinste mich verschmitzt an und meinte „Also ich wüsste da schon was – sie können mich gerne auf ein Getränk einladen heute Abend.“ Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen, dass er nach all den frechen Äußerungen auch noch daran denkt, mich wieder zu sehen.
Verlegen lächelnd sagte ich zu „Ja, warum eigentlich nicht? Wann und wo?“.
„Schlagen Sie doch etwas vor! Ich kenn mich in München noch nicht so gut aus“ erwiderte er. Langsam wurde er wieder ungeduldig und starrte auf seine Uhr. „Aber überlegen Sie schnell, ich muss nämlich noch einige Kurierfahrten erledigen“ fügte er noch hinzu. „Dann würde ich einfach sagen, wir gehen in meine Stammkneipe in der Volkartstraße – das Free & Easy, kennen sie das? schlug ich vor. „O. K. ist gebongt, ich kenn die Kneipe zwar nicht, aber wir können uns doch um 20.00 Uhr einfach am Rotkreuzplatz treffen, was halten Sie davon? entgegnete er leicht ungeduldig aber lächelnd. Er starrte wieder auf seine Uhr und das mit dem hin und her wippen fing wieder an. „Also abgemacht, um 20.00 Uhr am Rotkreuzplatz“ sagte ich. „Gut, ich werde da sein!“ versprach er und zwinkerte mir noch einmal zu, bevor er sich auf sein Rennrad schwang und davonsauste. Verwirrt starrte ich ihm hinterher. Was habe ich denn nun bloß wieder getan. Ich kenne diesen Typen doch gar nicht. Nun bereute ich ein wenig, dass ich so schnell zugesagt hatte. Der soll sich nur nichts darauf einbilden, dachte ich. Aber andererseits gefiel er mir schon sehr, sonst würde ich ja nicht so emotional auf ihn reagieren, überlegte ich weiter. Ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken als ich an die bevorstehende Verabredung dachte.
Fortsetzung folgt…..
Wie wird Nelly wohl den Nachmittag überstehen? Kann Sie den geplanten Ausflug in den Nymphenburger Schlosspark überhaupt noch genießen? Wissen wir doch alle, was so eine Verabredung bedeutet! Schon allein die Kleiderfrage!
Das alles erfahren Sie beim nächsten Mal.